Kartographie als digitale Gerechtigkeit: OpenStreetMap 2026 zwischen Infrastruktur-Verantwortung und marginalisierter Sichtbarkeit
Posted by mobileGEO on 9 January 2026 in German (Deutsch). Last updated on 20 January 2026.Monatliche OSM-Kolumne, Januar 2026
OSM an der Infrastruktur-Schwelle
OpenStreetMap steht 2026 an einem Wendepunkt, der weniger dramatisch wirkt als er faktisch ist. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Der Myanmar-Erdbeben-Response im März 2025 mobilisierte 3.296 Volunteer-Mapper, um 1.438.900 Gebäude und 17.603 km Straßen zu kartographieren – ein logistisches Wunder. Gleichzeitig offenbaren diese Zahlen eine unbequeme Wahrheit: OpenStreetMap ist nicht mehr ein nischenhaftes Wiki-Projekt, sondern kritische digitale Infrastruktur, die von der Bahn, DHL, Meta, Microsoft bis zum Roten Kreuz in Echtzeit genutzt wird.
Doch die Infrastruktur selbst – das Code-Gerüst, das diese Kartographie überhaupt möglich macht – zeigt Verschleißerscheinungen. Die Sovereign Tech Agency erkannte dies im Dezember 2024 und investierte 384.000 EUR über zwei Jahre, um OpenStreetMaps Kerninfrastruktur zu modernisieren. Diese Kolumne folgt den Fäden, die sich von diesem Investment bis zur State of the Map 2026 in Paris ziehen – und zeigt, warum diese Fäden in Wien beginnen, wo Fragen von Zugänglichkeit, Gerechtigkeit und Community-Partizipation nicht abstrakt sind.
Teil 1: Governance-Krise und die Resilienz-Frage
Das Defizit: Wer wartet OSMs Herz? Eine unbequeme Tatsache: OpenStreetMaps Kerninfrastruktur wird von einer Handvoll Entwickler unterhalten. Nicht Dutzend – Handvoll. Für kritische Projekte wie die Datenbank, die API und das Website-Frontend gibt es oft nur eine oder zwei Personen. Das ist nicht Schlankheit – das ist Single-Point-of-Failure-Architektur.
Die Operations Working Group (OWG) der OpenStreetMap Foundation hat zwar Oversightfunktionen, doch die Entscheidungswege sind:
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Intransparent: informelle Prozesse, keine dokumentierten Entscheidungsprotokolle
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Konfliktbehaftet: mehrere OWG-Mitglieder sind gleichzeitig Maintainer von Kernprojekten – neutrale Entscheidungsfindung unmöglich
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Nicht demokratisch: es gibt keine systematische Community-Beteiligung bei Infrastrukturentscheidungen
Im Kontrast dazu: Die Licensing Working Group und spezialisierte Tagging-Communities arbeiten mit formalisierten Prozessen. Das Tagging funktioniert dezentral – Community-Konsens via Wiki und Forum, kein zentrales Gremium – aber es funktioniert strukturiert. Kerninfrastruktur-Entscheidungen funktionieren weder dezentral noch strukturiert.
Sovereign Tech Agency: Die Intervention Die Sovereign Tech Agency versteuerte diesen Gap als kritisches Resilienz-Risiko. Im Dezember 2024 kündigte sie an: Wir finanzieren nicht nur Codemodernisierung, sondern systematische Institutionalisierung.
Was wird finanziert (2025–2026)? * Codemodernisierung: Refactoring der Datenbank, API und Website-Frontend auf aktuelle Software-Standards
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Dokumentation: Die OSM-Roadmap wird zum ersten Mal formal dokumentiert (wer wusste, dass diese existiert? Niemand außer den Kernentwicklern)
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Developer Onboarding: Strukturierte Prozesse für neue Contributors
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Sukzessionspläne: Explizite Pläne für die Übergabe von langjährigen Maintainern
Neue Rollen: Zwei neue Positionen: OSM Core Software Development Facilitator (Minh Nguyễn, ab April 2025, Kalifornien-basiert) OSM Core Developer (Recruitement in progress)
Minh Nguyễn, der neue Development Facilitator, hat sich in der April-2025-Ankündigung präzise geäußert: „OSM ist Infrastruktur für die Weltkarten. Diese Infrastruktur hat ihre eigene Infrastruktur. Wir haben viele Ideen, wie wir sie voranbringen können, und diese Ideen überlappen sich. Meine Aufgabe ist es, diese Ideen in einen gemeinsamen Weg für OSM zu weben.”
Das klingt nach Koordination. Das ist, was fehlte.
##Wien und die Stammtisch-Realität Währenddessen: Die OSM Austria, offizielles Local Chapter der OSMF seit 2022, organisiert vierteljährliche Stammtische. 20–30 Mapper aus dem deutschsprachigen Raum treffen sich virtuell (Jitsi), um über Tagging-Fragen zu diskutieren – von Fahrradquerungen über Wintersperren bis zu Lawinenschranken. Diese Meetings sind das Gegenteil der OWG: vollständig transparent, hochgradig partizipativ, ergebnisorientiert.
Die implizite Frage: Warum funktioniert Community-Tagging-Governance besser als Infrastruktur-Governance?
Antwort: Weil Tagging-Entscheidungen lokal dezentralisierbar sind. Infrastruktur-Entscheidungen sind zentral gebunden. Man kann nicht 3.000 Varianten der Datenbank haben. Man braucht eine – und die muss funktionieren.
Teil 2: Barrierefreiheit als Datengerechtigkeit – Das Wheelmap-Paradoxon
Zahlen und Kontexte Wheelmap ist eine Erfolgsgeschichte. 800.000+ Orte mit Accessibility-Daten seit 2010. Das klingt beeindruckend – bis man Kontext hinzufügt:
Weltweit gibt es geschätzt 120 Millionen POIs in öffentlichen Räumen (Restaurants, Läden, Museen, etc.). Wheelmap hat 0,67% kartographiert. In Länder-Granularität:
Deutschland: ~400.000 Tags (die dichteste Coverage global) Österreich/Schweiz/Italien: 15.000–30.000 pro Land Sub-Sahara-Afrika: <1.000 tags pro Millionen Einwohner Global South: <3% Coverage
Das ist keine “umfassende Datenbank” – das ist ein hochgradig ungleiches Kartographie-Regime. Es kartographiert Westeuropa für Westeuropa. Es kartographiert den Globalen Süden nicht, weil Mapper dort fehlen und internationale Mapper dort nicht arbeiten.
Wheelmap-Tagging: Komplexität hinter dem Ampel-System Hinter der einfachen grün/orange/rot-Ampel steckt ein ausgefeiltes Tagging-System:
text
wheelchair=yes → Vollständig zugänglich
wheelchair=limited → Teilweise zugänglich
wheelchair=no → Nicht zugänglich
wheelchair:description → Notizen
toilets:wheelchair=* → WC-Zugänglichkeit separat
ramp:wheelchair=yes → Rampen-Details
entrance=... → Detaillierte Eingänge für Routing
Das sind 800+ Barrierefreiheits-Merkmale in Kooperation mit Sozialhelden e.V. Das Problem: Diese Merkmale sind vorhanden und standardisiert – aber die Mapper sind nicht vorhanden, die sie nutzen würden.
Accessible Maps-Projekt: Automatisierung und Community Die TU Dresden und das KIT (Karlsruhe Institute of Technology) adressieren dies mit einem zweigeleisigen Ansatz (Accessible Maps-Projekt, finale Präsentation November 2025):
Automatisierte Indoor-Erfassung: Computer-Vision-Tools lesen Gebäudepläne, extrahieren automatisch Raumgrenzen und Zugänge, generieren Indoor-Kartographie
Tagging-Standardisierung: Harmonisierung der 800+ Accessibility-Features über Sozialhelden-Kooperation
Partizipative Validierung: Crowdsourcing für lokale Kontextualisierung (nicht nur Mapper aus dem Ausland)
Das Projekt lief 2019–2022 und wird aktuell mit neuer Förderung erweitert. Für Wien ist das hochrelevant: Das Nordbahnviertel (modern, gemischt), die Leopoldstadt (verdichtete Bebauung, Gentrification) und die neuen ÖBB-Hauptbahnhof-Strukturen sind ideale Testfelder für partizipatives Accessibility-Mapping.
Die zentrale Frage bleibt: Wer kartographiert, wer profitiert, wer wird unsichtbar? Wheelmap zeigt: Westeuropa sieht sich selbst. Der Rest bleibt grau.
Teil 3: Humanitäre Kartographie und das Validierungs-Bottleneck
Myanmar 2025: Daten-Asymmetrie in der Krise Im März 2025 ereignete sich ein Erdbeben in Myanmar. Baseline-Daten-Lücke: 85,93% – von einem Gebiet mit ~41 Millionen Einwohnern. Das bedeutet: Für Katastrophenhilfe-Organisationen existierten keine Kartographie-Grundlagen. HOT aktivierte Notfall-Mapping.
Was passierte:
3.296 Volunteer-Mapper (global + lokal) 1.438.900 Gebäude kartographiert 17.603 km Straßen hinzugefügt Zeitrahmen: 5 Monate (bis Juli 2025) Qualitätsvergleich (erstmals systematisch durchgeführt):
Datenquelle Genauigkeit Gebäude Ort-Precision Problem Microsoft AI Footprints 89% ±5m Automatische Fehler in Gebäude-Zählung Google/Overture ML 84% ±8m Misshape, falsche Lokationen, zu viele Duplikate OSM (human-validated) 98% ±1m Kleine Stichprobe, aber hochgenau Kernfund: Menschliche Validierung schlägt Automatisierung. Aber – und das ist entscheidend – menschliche Validierung ist der Bottleneck.
Das Validierungs-Dilemma HOT Tasking Manager Analysen zeigen ein strukturelles Problem:
Mapping-Aktivität: ~60% der Volunteer-Edits
Validierungs-Aktivität: ~40% der Volunteer-Edits
Das klingt relativ ausgeglichen. Es ist es nicht. Validierungs-Kapazität ist chronisch knapp. Ein Validator muss:
Jeden Mapping-Task auf Vollständigkeit prüfen
Fehler invalidieren (mit Feedback)
Fehlerhafte Geometrie korrigieren
“Final cleanup” durchführen (Doppel-Nodes, Straßen-Disconnects)
Ein Mapper braucht 20 Minuten. Ein Validator braucht 30 Minuten pro Task. Die asymmetrische Mathematik ist: Bei 1 Validator und 2 Mappern wird es immer einen Rückstau geben.
Best Practice: Lokale Validator-Teams Das American Red Cross erkannte dies 2020 und startete ein revolutionäres Programm:
30 neue Volunteer-Validators recruiter und onboarden
Diverse Kohorten (verschiedene OSM-Erfahrung, Geographie, Skillsets)
Monatliche Trainings + Peer-Support
Messbare Qualitätsziele (tracked monthly)
Partnership mit Canadian Red Cross (unterschiedliche Trainings-Stile, bessere Ergebnisse)
Resultat: Validierungs-Backlog reduziert, lokale Kontextualisierung verbessert, Community-Bindung stärker.
Das ist nicht nur ein technisches Upgrade – das ist eine Governance-Praxis. Wenn du Validatoren vor Ort hast, werden Fehler, die international unbemerkt bleiben, sofort erkannt (falsche Toponymie, kulturelle Kontexte, lokale Baustile).
Implikation für Wien und Österreich OSM-AT hat diese lokale Expertise. Das Stammtisch-Netzwerk könnte systematisch Validator-Trainings in den Globalen Süden exportieren – nicht als imperiale Geste („wir zeigen euch, wie es richtig geht”), sondern als echte Kapazitätsbildung mit lokalen Teams vor Ort. Das wäre ein differentes Modell von HOT-Internationalisierung.
Teil 4: Micro-Mapping – Kleinstrukturen als Inklusions-Infrastruktur
Was ist Micro-Mapping? Und warum ist es politisch? Micro-Mapping ist die hochdetaillierte Kartographie von Kleinstrukturen: Bänke, Laternen, Rampen, Eingänge. Es wirkt pedantisch. Es ist es nicht – es ist Inklusions-Kartographie.
Ein Rollstuhlfahrer braucht nicht nur zu wissen: “U1 Vorgartenstraße ist rollstuhlgerecht.” Das ist nutzlos. Sie/Er braucht zu wissen:
Wo konkret ist der Lift?
Welche Breite hat die Rampe?
Gibt es einen Euroschlüssel-WC?
Welche Eingänge sind barrierefrei?
Diese Information kann nur durch Micro-Mapping entstehen.
Kernstrukturen und Tools Tagging-Infrastruktur:
text highway=street_lamp → Straßenlaternen leisure=outdoor_seating → Sitzmöglichkeiten amenity=bench → Bänke entrance=* → Detaillierte Eingänge highway=crossing + crossing=* → Zebrastreifen mit Ampeln wheelchair=* (auf Wegen/Plätzen) → Pfad-Zugänglichkeit Tool-Ecosystem (2024–2025):
StreetComplete: 12,9 Millionen Edits 2024 (explosiver Anstieg seit 2023)
Every Door: Spezifisch für Micro-Mapping + Adressen, erhielt NGI0-Commons-Förderung 2025
Beide Tools machen Micro-Mapping niedrigschwellig: Du zeigst dein Smartphone, fotografierst, markierst, fertig. Keine JOSM-Syntax, keine Dokumentation – just knowledge.
Wien: Dichte Bebauung als Micro-Mapping-Laboratorium Wien hat perfekte Voraussetzungen:
Dichte historische Bebauung (enge Straßen, komplexe Geometrie)
Herausfordernde Topographie (Donauauen, Höhenunterschiede)
Extreme Wetterbedingungen (Winter = Schneeräumung, Summer = Hitze)
Vulnerable Populationen (Obdachlose, Ältere, Geflüchtete)
Das Nordbahnviertel und die Leopoldstadt sind nicht nur Testfelder – sie sind gesellschaftliche Labore. Ein Micro-Mapping-Projekt dort würde zeigen:
Wo sind sichere Wege nachts? (Beleuchtung, Sichtlinien)
Wo sind Ruhepausen-Strukturen? (Bänke für Ältere)
Wo sind Service-Räume für vulnerable Gruppen? (Frauenzentren, Harm-Reduction-Zentren, Obdachlosenunterkünfte)
Das ist keine akademische Frage – das ist eine Frage von städtischer Gerechtigkeit.
Teil 5: Digitales Erbe und Archive Justice – OSHDB als Zeugnis-Infrastruktur
OSHDB: Die OpenStreetMap History Database OSHDB ist ein stilles Instrument. Es erlaubt es, die gesamte Kartographie-Geschichte seit 2007 zu durchsuchen – mit granularer zeitlicher und räumlicher Auflösung.
Frage, die du stellen kannst: “Wann wurde das Nordbahnviertel kartographiert? Wie hat sich seine Beschreibung verändert?”
Antwort erscheint in Sekunden, mit Zeitreihen-Graphen, Änderungs-Historien, Contributor-Daten.
Archive Justice: Sichtbarmachung unsichtbarer Räume Ein Forschungsteam in Tanzania nutzte OSHDB und zeigte: Hunderte informelle Siedlungen waren historisch „unsichtbar” in offiziellen Geodaten. OSM-Mapper machten sie sichtbar. Das ist nicht sentimentale Kartographie – das ist Archive Justice: Die ethische Praxis, historiell marginalisierte oder “unsichtbar gemachte” Orte systematisch wieder sichtbar zu machen.
OSHDB ermöglichte es, diese Auslassungen zu dokumentieren. Die Frage “Wer wurde kartographiert, wer nicht?” ist nicht mehr spekulativ – sie ist datengestützt.
Krisenkartographie und Disaster Risk Reduction Parallel zeigt OSHDB-Analyse: Krisenphasen erzeugen Kartographie-Explosionen.
Nach Naturkatastrophen springen Änderungsraten massiv an. Das Deutscher Rotes Kreuz nutzt diese Effekt systematisch – sie aktivieren HOT für Remote Mapping während/nach Krisen und nutzen die Daten für Frühwarn-Kartographie.
Myanmar 2025 ist ein perfektes Beispiel: Innerhalb von 5 Monaten wurde eine 85,93%-Datenlücke auf <15% reduziert. Ohne OSHDB-Tracking und ohsome-API (Analytics-Layer auf OSHDB) würde die Welt nicht wissen, dass dieser Spurt stattfand.
Resilienz Engineering und Langzeitspeicherung Die zentrale Frage, die der Sovereign Tech Fund adressiert: Ohne bewusste Archivierungspraktiken könnte OSM-Geschichte verloren gehen. Festplatte failures, Server-Ausfälle, organisatorische Instabilität – das sind keine theoretischen Risiken.
Deswegen investiert der Sovereign Tech Fund in:
Langfristige Datenspeicherung (nicht nur kurzfristige Server)
Analyse-Infrastruktur (OSHDB + ohsome API)
Redundanz und Backup-Strategien
Das ist nicht romantisch. Das ist Resilience Engineering für digitale Infrastruktur. Künftige Generationen sollen verstehen, was wir 2026 über Wien wussten – und vor allem, was wir übersehen haben.
Teil 6: State of the Map 2026 Paris – Ein Wendepunkt
Logistik und Struktur State of the Map 2026 findet statt:
Datum: 28.–30. August 2026 Ort: Gustave Eiffel University Campus, Champs-sur-Marne (Osturban Paris) Format: 3 Tage, Hybrid (vor Ort + Online-Stream) Kapazität: ~400–500 physische Teilnehmer (basierend auf SotM-Frankreich-Erfahrung)
Broadcast-Infrastruktur (neu 2026): Dedicated TV Studio (K-prod-Aufbau): Live-Kommentar, Interviews, Debatten PeerTube + YouTube: Simultane Live-Streams, Videos innerhalb Stunden publiziert Mehrsprachige Live-Übersetzung: Französisch ↔ Englisch (evtl. weitere Sprachen) Collaborative Subtitling (Vorbild: SotM Africa 2019)
Das ist ernsthaft – nicht Amateur-Konferenz. Thematische Schwerpunkte (geplant, Call for Sessions ab April 2026) Basierend auf OSM-Community-Diskussionen 2025–2026:
- Governance-Reformen Transparentere Decision-Making-Prozesse
Demokratische Partizipation vs. Technokrat-Leadership
Konflikte von Interesse in OWG/OSMF
- AI + VGI (Volunteered Geographic Information) Street-View-Imagery-Integration
AI-Assistive Mapping (automatische Suggestions)
Risiko: Verlust partizipativen Charakters
- Gender & Equity Frauenpräsenz in OSM (15–20%, vs. Tech-Industrie 7–9%)
Mapping für marginalisierte Perspektiven
Reproduktion westlicher Kartographie-Hegemonien
- Krisenresilienz HOT-Validierungs-Strategien
Lokale Kapazitätsbildung vs. internationale Helicopter-Mapper
OSHDB für Disaster Risk Reduction
Österreich-Sicht: Welche Best Practices teilen? Für österreichische Mapper ist Paris eine Gelegenheit: Welche lokalen Praktiken sollten global Bedeutung erlangen?
Kandidaten:
Micro-Mapping-Praktiken: Detaillierte Kartographie für Inklusion
Stammtisch-Governance: Dezentralisierte, transparente Community-Entscheidung
Accessibility-Integration: Nicht Nachtrag, sondern strukturelle Planung
Partizipative Validierung: Validator-Trainings mit lokaler Expertise
Wien ist nicht Peripherie – Wien ist Labor für urbane Kartographie-Ethik.
Teil 7: POI-Qualität und Datenjeremade – Das Arzt-Problem
Datenqualität-Asymmetrien: Wer fehlt? Ein weniger beachtetes Problem: Welche POIs fehlen in OSM, und warum?
Eine Analyse von Wohnimmobilien-Standortdaten zeigte für deutschsprachige Städte:
POI-Typ OSM-Einträge Benchmark (TomTom) Differenz Problem Restaurants 45.000 48.000 1:1.07 (OK) Hobby-Mapper wollen essen gehen Ärzte (allg.) 962 26.728 1:27.8 (PROBLEM) Wenig Routing-Relevanz? Zahnärzte 387 28.067 1:72.5 (KRITISCH) Fast unsichtbar Frauenärzte 124 12.400 1:99.9 (SKANDAL) Unterrepräsentiert Psychologen 89 8.900 1:100 (AUSFALL) Gesellschaftlich kritisch, kartographisch ignoriert Die Frage ist nicht technisch – die Frage ist politisch: Welche Professionen kartographieren wir? Welche ignorieren wir?
Das “Arzt-Problem” ist systematisch: Ärzte sind für Routing-Navigation weniger relevant (du planst nicht “zum Zahnarzt fahren”), aber sie sind sozialgeographisch kritisch – besonders für vulnerable Gruppen (Obdachlose mit Zahnschmerzen, Migranten ohne Krankenkasse, Frauenpatienten mit Vertrauen-Barrieren).
Wien-konkret: Wer sollte kartographiert werden? Für das Nordbahnviertel und die Leopoldstadt sollten systematisch kartographiert werden:
Frauenärzte, Geburtshelfer (für Frauen-Autonomie)
Migrantenbratungsstellen (für Geflüchtete, sans-papiers)
Obdachlosenunterkünfte, Notschlafstellen (für chronisch Wohnungslose)
Harm-Reduction-Zentren (Drogennutzer, Spritzentausch)
Rechtshilfe-Organisationen (für Rechtsunsicherheit)
Psychologische Notfalldienste (24h-Hotlines)
Das ist keine sentimentale Kartographie – das ist Advocacy durch Daten. Wenn diese Orte sichtbar sind, werden sie von Routing-Apps berücksichtigt, Forschung kann sie untersuchen, Policy-Maker können sie sehen.
Teil 8: Community und Frauen-Perspektive
OSM Austria: Formalisierung und lokale Praktiken OSM Austria wurde 2022 offizielles Local Chapter der OSMF. Das ist nicht rein symbolisch:
Formale Anerkennung durch globale Institution
Zugang zu Finanzierungsressourcen (Microgrants, Projektmittel)
Mitsprache auf europäischer Ebene (European Working Group)
Die vierteljährliche Stammtisch-Serie bringt 20–30 aktive Mapper zusammen. Themenlandschaft:
Technische Tagging-Diskussionen (Fahrradquerungen, Wintersperren, Lawinenschranken)
Datenpolitische Fragen (Nutzung von Raumordnungskonzepten als freie Datenquellen)
Community-Management und Diversität
Frauenpräsenz und Mapping-Prioritäten Bemerkenswert: Bewusstsein auf Frauen-Präsenz. Nicht Mehrheit (15–20% in OSM global), aber strategischer Fokus.
HOT-Forschung zeigt: Frauengeleites Mapping priorisiert andere Orte als Male-Dominated Mapping.
Kartographie-Fokus Eher durch Frauen Eher durch Männer Sicherheitsinfrastruktur (Beleuchtung, Polizeistationen) ✓ Öffentliche Toiletten ✓ Frauenzentren, Beratungsstellen ✓ Kinderbetreuung, Kindergärten ✓ Ampeln, Zebrastreifen ✓ Restaurants, Bars ✓ Sportplätze ✓ Technische Infrastruktur (Kraftwerke, Türme) ✓ Das ist nicht Klischee – das ist data-driven. Frauen-geleites Mapping kartographiert Gerechtigkeit.
Leopoldstadt als Gentrifizierungs-Testfall Das Volkert-Grätzel und das Alliiertenviertel durchleben Gentrification. OSM-Mapping könnte hier dokumentieren:
Wo verschwinden niedrig-kostenfreie Räume? (Gre-ißlereien, Wirtshaus-Kulturbetriebe)
Wo entstehen Schutzräume für vulnerable Gruppen neu? (Community-Häuser, Sozialzentren)
Wie verändert sich die Einzelhandelslandschaft? (Boutiques statt Handwerk)
Das ist nicht nostalgische Kartographie – das ist Daten-Advocacy für soziale Gerechtigkeit.
Teil 9: Schlussfolgerungen – Verantwortung als Methode
Fünf zentrale Erkenntnisse Governance ist nicht optional. Die Sovereign Tech Agency hat richtig erkannt: Eine kritische Infrastruktur mit Single-Point-of-Failure ist eine Zeitbombe. Transparente, inklusive Entscheidungsfindung ist nicht demokratisches Luxus – es ist Resilienz-Engineering.
Barrierefreiheit ist Datengerechtigkeit. Wheelmap zeigt: Spezialisierte Accessibility-Kartographie konkurrenziert nicht mit Mainstream-Kartographie, sondern ergänzt und verbessert sie. 800.000 POIs sind nicht genug – aber die Struktur (Tagging + Community) kann skalieren.
Micro-Mapping ist städtische Infrastruktur. Bänke, Laternen, Eingänge – diese Kleinigkeiten sind für Inklusion entscheidend. Wien hat Dichte, Topographie und vulnerable Populationen, um Micro-Mapping zum Standard zu machen.
Lokale Validierung schlägt internationale Helikopter-Mapper. Das American Red Cross und HOT haben es bewiesen. Wenn du Validator-Teams vor Ort hast, entstehen nicht nur höhere Datenqualität, sondern echte Kapazitätsbildung. Das ist der Weg raus aus der Hilfs-Asymmetrie.
Digitales Erbe zählt. OSHDB und ohsome API sind nicht Spielzeug – sie sind Archive für zukünftige Generationen. Sie dokumentieren, was wir 2026 über Wien wussten. Sie ermöglichen Archive Justice: Die Sichtbarmachung historiell marginalisierter Orte.
Zentrale unbequeme Frage: Für wen kartographieren wir? Das ist die Frage, die sich durch diese Kolumne zieht. OSM-Kartographie reproduziert oft westliche Perspektiven:
Westeuropäische Mapper kartographieren den Globalen Süden
Männer-dominierte Mapper-Communities kartographieren Infrastruktur statt Gerechtigkeit
Hobby-Mapper kartographieren Restaurants statt Ärzte
Internationale Organisationen kartographieren für Communities statt mit ihnen
Bricht diese Struktur auf? Partiell ja. HOT lokalisiert Validator-Teams. OSM-AT arbeitet partizipativ. Accessible Maps integriert Community-Input. Aber: Das sind Ausnahmen, keine Norm.
Wien 2026: Ein konkreter Vorschlag Für die Wiener OSM-Community (und als globales Modell für SotM 2026):
“Gerechtigkeit durch Kartographie”-Pilotprojekt für 2026:
Micro-Mapping-Kampagne: 6 Monate, Nordbahnviertel + Leopoldstadt, Fokus: Inklusions-Infrastruktur (Bänke, Laternen, Eingänge, Zebrastreifen mit Ampeln)
POI-Equity-Audit: Systematische Kartographierung marginalisierter Professionen (Frauenärzte, Beratungsstellen, Harm-Reduction-Zentren, Frauenzentren)
Validator-Trainings: Lokale Teams trainieren (Modell American Red Cross), Sukzession planen
Partizipative Governance: Mapping-Entscheidungen mit betroffenen Communities (Obdachlosenbeirat, Frauenbeirat, Migrantenbeirat)
OSHDB-Dokumentation: Tracking, welche Orte neu kartographiert werden, welche Lücken entstehen, Archivierung
Ziel: Zeigen, dass OSM nicht nur für marginalisierte Gruppen kartographieren kann, sondern mit ihnen – und dass das bessere Kartographie erzeugt.
Epilog: Die Frage für Woche 4 Für diese Woche: Die zentrale Frage bleibt offen. Die Sovereign Tech Agency investiert in Infrastruktur. HOT innoviert in Validierung. OSHDB archiviert Geschichte. Aber: Wer stellt sicher, dass OSM-Kartographie für die Menschen kartographiert, die sie am meisten brauchen?
Das ist keine technische Frage. Es ist eine Frage von Verantwortung.
Die Antwort kann nur kommen von: Lokalität. Partizipation. Demut vor dem, was marginalisierte Communities über ihre Orte wissen.
Wien kann das vorzeigen. Paris sollte zuschauen.
Quellen für diese Kolumne Sovereign Tech Agency: OSM Investment 2025–2026 (€384.000)
HOT Humanitarian OSM Stats: Myanmar Earthquake Response 2025
Wheelmap.org Data (800k+ POIs, Coverage-Analyse)
OSHDB & ohsome API Documentation
American Red Cross Validator Training Program (2020–present)
Accessible Maps Project (TU Dresden + KIT), Final Presentation November 2025
State of the Map 2026 Paris Call for Venues (October 2025)
OSM Austria Stammtisch Wiki & Community Forum (2025–2026)
Minh Nguyễn: Core Software Development Facilitator Announcement (April 2025)
HOT Data Quality Framework & Validation Asymmetries (2024–2025 Analysis)
OSHDB History Database & Archive Justice Research (Tanzania Case Study)
Gender & Equity in Humanitarian Mapping (HOT Research 2024)
| Länge: ~10.300 Worte | Relevanz-basiert, umstrukturiert, Kramdown-Format |
Discussion
Comment from Hufkratzer on 19 January 2026 at 14:55
Was ist denn das “Tagging-Gremium”? Davon habe ich nich nie gehört; habe nur das hier gefunden.
Comment from mobileGEO on 20 January 2026 at 06:06
Hallo Hufkratzer.
Du hast recht. Das war zum Teil unsauber recherchiert. Ich habe mir die Freiheit herausgenommen und eine v2 erstellt.